| Das nächste Erdbeben kommt bestimmt | |
| Obwohl sie weniger häufig
auftreten als in der Türkei, sind Erdbeben eine in der Schweiz stark
unterschätzte Naturgefahr.
In den vergangenen 50 Jahren ist die Schweiz von zerstörerischen Erdbeben verschont geblieben. Diese scheinbare Ruhe ist aber trügerisch. Die Geschichte lehrt uns, dass auch die Schweiz mit starken Erdbeben rechnen muss, und neuere Studien lassen darauf schliessen, dass wir auf diese in Vergessenheit geratene Naturgefahr ungenügend vorbereitet sind. Von Dr. Nicolas Deichmann und Dr.
Donat Fäh*
St. Niklaus, 25. Juli 1855, kurz vor ein Uhr Mittags, es ist regnerisch trüb. Die meisten Leute sitzen noch beim Essen als ein dumpfes Geräusch aus dem Untergrund zu vernehmen ist, dann ein erster Schlag, gefolgt von starkem schütteln, Gegenstände rutschen durch den Raum, Deckenteile brechen ein und Risse ziehen sich durch das Mauerwerk. Alle flüchten in Panik aus den Häusern. Draussen, unsichtbar im Nebel und in den von den Gebäuden aufsteigenden Staubwolken stürzen mächtige Felsblöcke mit lautem Krachen von den steilen Bergflanken herab. Ein sicherer Ort ist nirgends zu finden. Erst nachdem sich der Staub gesetzt hat, sind die Folgen des Erdbebens zu erkennen: Zwischen Visp und St. Niklaus ist kaum ein Gebäude unbeschädigt geblieben. Zum Teil sind ganze Wände eingestürzt, der Kirchturm von Visp steht ohne Spitze da. Ein Kind ist von einer umstürzenden Mauer erschlagen worden, Verletzte müssen mühsam über herabgestürzte Felsmassen zu Tal getragen werden. In den folgenden Tagen richten einige der unzähligen Nachstösse weitere Schäden an. Historische Abbildung der Erdbebenschäden
in Visp 1855: Viele Hausmauern sind von Rissen durchzogen und die Spitze
des Kirchturmes ist eingestürzt.
Obwohl sich dieses Ereignis vor fast
150 Jahren ereignet hat und demzufolge aus dem kollektiven Bewusstsein
verschwunden ist, stellt es keinen Einzelfall dar. Hundert Jahre früher,
am 9. Dezember 1755, war das Oberwallis Schauplatz eines Bebens vergleichbarer
Stärke, welches erhebliche Schäden in Brig, Naters und Glys verursachte.
Als stärkstes aus historischen Quellen bekanntes Erdbeben in ganz
Mitteleuropa gilt das Beben, welches am 18. Oktober 1356 grosse Teile der
Stadt Basel und zahlreiche Burgen in den umliegenden Gebieten zerstörte.
Tatsächlich ist über die letzten 750 Jahre gesehen kaum eine
Region der Schweiz von Erdbebenschäden gänzlich verschont geblieben.
Irrmeinung 1: In der Schweiz gibt es nur kleine Erdbeben Das stärkste Erdbeben in den
vergangenen 25 Jahren in der Schweiz war dasjenige vom 20. November 1991
mit Epizentrum zwischen Thusis und Lenzerheide. Es erreichte eine Magnitude
von 5 auf der Richter Skala und hat lediglich einige Risse in Mauerwerken
und einen Stromausfall in der Region Chur verursacht (Erdbebenmagnitude
- Erdbebenintensität). Diese scheinbare Ruhe führt zur ersten
weit verbreiteten Irrmeinung, dass starke Beben in der Schweiz höchst
selten oder gar nicht auftreten. Die Afrikanische Kontinentalplatte verschiebt
sich aber weiterhin gegen Norden und stösst gegen den europäischen
Kontinent. Die mit dieser Kollision verbundenen Kräfte, welche auch
die Alpen gebildet haben, bauen Spannungen in der Erdkruste auf, die sich
an vorhandenen Schwächezonen als Erdbeben abbauen. Dort wo kleine
Beben auftreten, kommen früher oder später auch einmal grössere
Ereignisse vor. Diese weltweit gültige Beobachtung bildet die Grundlage
zur Abschätzung der Erdbebengefährdung (Erdbebengefährdung
- Erdbebenrisiko).
Epizenterkarte der seit 1300 historisch
bekannten Erdbeben in der Schweiz mit Intensität von mindestens 5
(Schadenbeben).(Quelle: Schweizerischer Erdbebendienst)
Epizenterkarte der seit 1975 in der
Schweiz erfassten Beben mit Magnitude grösser als 2.5. (Quelle: Schweizerischer
Erdbebendienst)
Das hochempfindliche Seismographennetz
des Schweizerischen Erdbebendienstes hat in den letzten 25 Jahren über
5000 Erdbeben in der Schweiz und ihrer unmittelbaren Umgebung aufgezeichnet
(Erdbebennetze in der Schweiz). Ueber 95%
dieser Ereignisse waren zu schwach um von der Bevölkerung wahrgenommen
zu werden. Die Auswertung dieser Daten sowie die historischen Ueberlieferungen
von stärkeren Beben belegen die Aussage, dass im Mittel die Schweiz
in 100 Jahren mit einem Erdbeben in der Grössenordnung der stärksten
Erdstösse von 1997 in Umbrien rechnen muss. Letztere haben Tote und
Verletzte gefordert, viele Häuser unbewohnbar gemacht und nichtreparierbare
Schäden an historischen Bauten verursacht -- von den wirtschaftlichen
Folgekosten ganz zu schweigen. Zudem zeigt das Basler Beben von 1356, dass
auch noch stärkere Erdbeben auftreten können, wennauch weniger
häufig.
Irrmeinung 2: Die moderne Industriegesellschaft hat das Erdbebenrisiko verkleinert Im Vergleich zu den gegenwärtigen Schreckensbildern aus der Türkei, mögen die Folgen des Visper Bebens von 1855 harmlos erscheinen. Doch mit welchen Folgen wäre zu rechnen wenn sich das gleiche Beben heute wiederholen würde? Die Schweizerische Rückversicherung hat diese Frage untersucht und ist zum Schluss gekommen, dass allein die Gebäudeschäden mehrere Milliarden Franken ausmachen würden (heutige Folgen). Der Gesamtschaden, inklusive Verluste an Einrichtungen, Infrastrukturbauten und den Folgekosten durch Todesfälle, Verletzungen, Produktionsausfall und Umweltschäden wäre ein Vielfaches davon. Das sind Beträge, die auch die wohlhabende Schweiz nicht ohne weiteres verkraften könnte. Entgegen der zweiten weit verbreiteten Irrmeinung hat also das Erdbebenrisiko gegenüber der Vergangenheit nicht ab- sondern massiv zugenommen. Der Grund für diese Zunahme des Risikos sind der enorme Bevölkerungs- und Wertzuwachs sowie die grössere Verletzlichkeit der modernen Industriegesellschaft. Vor 150 Jahren waren die Sümpfe
des Walliser Talbodens gerade erst trockengelegt worden und die vor allem
der Landwirtschaft dienenden Siedlungen befanden sich auf festem Untergrund
an den Talflanken. Inzwischen ist auch das weiche Schwemmland des Talbodens
dicht besiedelt und Standort einer bedeutenden Anzahl von Industrien mit
einer verletzlichen Infrastruktur und einem grossen Schadenpotential für
Mensch und Umwelt. Weiche Böden können die Erdbebenerschütterungen
im Extremfall bis zu einem Zehnfachen gegenüber denjenigen auf soliden
Felsuntergrund verstärken (umgünstiger
Untergrund). Dies ist auch der Grund, warum die Besiedlung und Industrialisierung
zum Beispiel des Walliser Talbodens mit seinen lockeren Flussablagerungen
das Erdbebenrisiko gegenüber früheren Jahrhunderten enorm verschärft
hat. Auch im nördlichen Mittelland sind im letzten Jahrhundert viele
empfindliche Bauten auf weichen Fluss- und Seeufern entstanden. Teile der
Basler Chemieanlagen oder der Bahnhof von Luzern sind eindrückliche
Beispiele dafür. Ungünstige Beschaffenheit des lokalen Untergrundes
führt also dazu, dass selbst die von entfernten Beben verursachten
Erschütterungen schweren Schaden anrichten können.
Notwendige Massnahmen Erdbeben lassen sich nicht verhindern -- das nächste Erdbeben kommt bestimmt -- aber man kann sich darauf vorbereiten und die Folgen mildern. Man kann zwar Erdbeben auch nicht voraussagen, aber man kann die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer bestimmten Erschütterungsintensität abschätzen. Dazu gehört nicht nur die Wahrscheinlichkeit eines starken Erdbebens sondern auch die Beschaffenheit des lokalen Untergrundes. Entsprechend der geotechnischen Eigenschaften des Untergrundes können innerhalb von wenigen hundert Metern Unterschiede in der Erdbebengefährdung vorliegen, die grösser sind als die Unterschiede zwischen weit auseinander liegenden Landesteilen. Neben Erdbebengefährdungs-karten, welche die regionalen Gefährdungsunterschiede aufzeigen, muss daher auch die lokale Erschütterungsfähigkeit erarbeitet und dokumentiert werden. Solche Mikrozonierungsstudien erlauben es den Bauingenieuren die Gebäude so zu dimensionieren, dass sie den zu erwartenden Erschütterungen auch wirklich standhalten (Mikrozonierung). Dies ist insbesondere von Bedeutung für wichtige Gebäude mit öffentlicher Nutzung oder mit erhöhtem Gefährdungspotential und für Anlagen die auch im Katastrophenfall ihre Funktionstüchtigkeit bewahren müssen, wie zum Beispiel Schulen, Industrieanlagen, Spitäler und Feuerwehrdepots (Massnahmen). |
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| *Dr.
Nicolas Deichmann und
Dr.
Donat Fäh
Seismologen am Schweizerischen Erdbebendienst und Lehrbeauftragte an der ETH Zürich. Institut für Geophysik
Tel. 01 / 633 26 21 bzw. 01/ 633 26 58, Fax 01 / 633 10 65 |
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